Messi, Afghanistan und die Vermarktungsindustrie

Aktuell gibt es einen Internethype um einen kleinen fünfjährigen Jungen aus einem kleinen, armen Dorf in Afghanistan. Er heißt Murtaza Ahmadi. Er spielt gerne Fussball und hat einen größeren Bruder. Sein Bruder hat ihm aus einer blau-weiss-gestreiften Plastiktüte ein „Lionel Messi“-Trickot gebastelt. Zugegeben: es ist eine hinreissende Geste unter Brüdern. Ich bin selbst ein großer Bruder von zwei jüngeren Geschwistern und finde es toll. So weit ist es eine schöne Geschichte. Der Kleine hat sich sicherlich schon sehr darüber gefreut.

Messi aus Afghanistan

Nun aber springt plötzlich eine internationale Vermarktungsmaschine an. Ein Foto landet in den sozialen Netzwerken. Der Kleine bekommt eine kommerzielle Version des Fussballeroutfits geschenkt, und es ist im Gespräch, ihn den weltberühmten Fussballer treffen zu lassen. Das finde ich ekelig.

Ich sehe einen kleinen Jungen aus armen Verhältnissen, der sich noch bemüht, die Welt um sich herum zu begreifen. Vielleicht war es nur ein Spitzname, weil doch sein Name auch mit „M“ beginnt und „Messi“ einfacher ist als „Murtaza“. Alles war gut. Wer kann schon sagen, wie, warum oder auf welche Weise man sich mit jemand anderem identifiziert. Wenn von ihm selbst schon überliefert wird: „Messi? – Ich bin Messi!“ bedeutet der Name ihm wohl etwas ganz anderes als all den weltgewandten Medienprofis.

Jetzt reißt man den Kleinen aus seinem Umfeld und aus seiner Welt. Ohne Zweifel wird er später wieder in diese Welt zurückgeworfen. Da werden Dinge für ihn geplant, die er sich wahrscheinlich nicht mal im entferntesten vorstellen kann. Fremde Interessen treffen auf Phantasien von Spinnern, die sich für sich selbst nichts Schöneres vorstellen können, als ein Idol zu treffen. Ich habe so ein Anliegen noch nie verstanden. Was soll der kleine Junge denn mit diesem stinkenden Erwachsenen aus einem fremden Land reden oder tun? – Es ist nicht sein Wunsch, den er geäußert hat, sondern es ist die Idee irgendwelcher idiotischer Marketingfreaks, die sich über die weiteren Folgen nie Gedanken machen. -Wen interessiert schon, was aus dem Jungen später mal wird?- Natürlich wittert auch der Vater schon das große Geld. Dazu braucht es weder Bildung noch viel Phantasie. Der kleine Junge wird zum Spielball. Enden kann das alles nur in großen Enttäuschungen.

Zuerst habe ich mich mit ihm über die Geste seines Bruders gefreut,
doch jetzt habe ich Mitleid mit ihm.

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