Über den Maßstab der Größe von Staaten und falschen Stolz

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Größe, Grossartigkeit, Stärke, Ruhm einer Nation – Was soll das sein?

In der Politik findet sich immer wieder der Begriff der Größe, Großartigkeit, Stärke oder des Ruhms einer Nation. Doch was soll das eigentlich sein? – Dazu gibt es verschiedene Ansätze:

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Flächenmäßige Ausdehnung

So scheint es immer wieder Bemühungen zu geben, einem Land die größte Ausdehnung zurückzugeben, die es in der Geschichte je hatte, oder einen Einflußbereich. Dieser Ansatz ist leicht zu entkräften:

Der altgriechische Philosoph Heraklit schrieb: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“. Alles unterliegt ständigem Wandel. Wir versuchen Geschichte immer als linear darzustellen, aber es ist nur ein roter Faden von vielen, mit dem wir sie erzählen. Die „Nation“ von heute ist niemals mehr die „Nation“, die sie einmal war. Es sind andere Menschen mit anderen Erfahrungen. Genealogie ist bedeutungslos. Alle Menschen sind vernünftige Wesen und es ist bedeutungslos, woher wir stammen. Es ist bedeutungslos, ob unsere Vorfahren Teil von Etwas waren oder nicht – und wir können uns auch nie gewiß sein, ob es so war. Je weiter wir in der Geschichte zurückblicken, desto weniger können wir uns sicher sein.

Alles Leben auf dieser Erde stammt aus dem Meer. Wie weit sollen wir in der Geschichte zurückgehen? – Frühere Reiche hatten andere Grenzen als die heutigen Länder, aber sind es noch dieselben? – Nein, denn es sind andere Menschen. Die Menschen sind es, auf die es ankommt. Staaten sind nur politische Verwaltungseinheiten. Je nach historischer Situation haben teils die Römer den Mittelmeerraum beherrscht, teils die Phönizier, teils die islamische Welt (Kalifat von Cordoba) – und doch waren es immer die Menschen, die gerade dort lebten. Das Verschieben von Staatsgrenzen, Herrschafts- oder Einflussbereichen offenbart in diesem Theater seine Bedeutungslosigkeit. Die Menschen sind es, die zählen.

Vielleicht wäre es vor diesem Hintergrund zielführend statt von den Vereinten Nationen von den Vereinigten politischen Einheiten dieser Welt zu sprechen und auf den Begriff Nation an dieser Stelle zu verzichten. – Aber dies ist nur eine Begrifflichkeit und mir daher nicht wichtig.

Herausragende Errungenschaften

Andere beziehen die Größe nicht auf die landschaftliche Ausbreitung eines Staates, sondern bringen sie eher mit großen Errungenschaften in Verbindung. Die Ägypter erbauten die Pyramiden. Antike Weltwunder. Die älteste Schrift und die ältesten geschriebenen Gesetze. Die höchsten Hochhäuser. Die atemberaubensten Kathedralen oder Brücken. Die herausragendsten Dichter und Denker, die meisten Nobelpreisträger, die meisten Patente, die fortgeschrittenste wissenschaftliche Forschung. Oder irgendwo der Erste sein: Der erste Hund im All, der erste Mensch im All, die erste Umkreisung der Erde, die erste Landung auf dem Mond, das erste Heilmittel gegen eine Seuche. Der schnellste Rennwagen, der schnellste Hürdenläufer und der schnellste Samenerguss! Oh, grenzenlose Eitelkeit!

Besondere Beispiele sind Nationalmannschaften im Sport und die olympische Rekordjagd. Die nationalen olympischen Kader sind ein Kind der Neuzeit, d.h. des 19. Jahrhunderts, während in den panhellenistischen Spielen der Antike keine Stadtstaaten gegeneinander antraten, sondern Athleten aus ganz Griechenland. Es sind keine Leistungen der Nationen, sondern der Athleten, die tatsächlich auf dem Sportplatz stehen.

Ich möchte noch eine Randnotiz zur Rekordjagd geben. Es geht heute immer um Weltrekorde. Es sollen immer bessere Leistungen erzielt werden. Aber natürlich haben wir es mit Menschen zu tun – und die Möglichkeiten von Menschen sind begrenzt. Es wäre nur natürlich, wenn irgendwann kein neuer Rekord mehr erzielt würde. Doping mag dann den falschen Stolz von Nationalstaaten dienen, aber es schadet immer den Athleten. Es wäre besser, die Rekorde zu vergessen und so nur die aktuellen Athleten zu vergleichen. Ruhm dem Sieger. Abgesehen davon wäre es sicherlich zielführender statt globaler und nationaler Spiele unter hohem Leistungsdruck die Spiele zu regionalisieren, bzw. den Breitensport zu fördern, da dieser wesentlich eher den Menschen dient.

Bei genauerer Betrachtung stellen wir fest, dass diese Leistungen nicht die irgendeiner Nation, sondern Einzelner sind. Selbst wenn, wie bei den Pyramiden, viele Menschen bei der Realisierung beiteiligt waren, muss irgendein Einzelner eine Idee gehabt haben, eine Vorstellung, wie diese umgesetzt werden könnte, und jemand muss die Entscheidung getroffen haben. Wir feiern den Architekten und den Erfinder. Dichter und Denker schaffen zwar im gesellschaftlichen Kontext, aber letzten Endes doch alleine. Sportliche Erfolge verantworten die Sportler alleine. Und in der Wissenschaft sind es heute in der Regel internationale Teams herausragender Forscher, die im Kontext der globalen Scientific Community stehen, die große Leistungen erbringen.

Gleichwohl ist hier ein merkwürdiger Mechanismus am Werke. Die Leistungen dieser wenigen Menschen werden auf Nationen bezogen, denen sie vielleicht zugerechnet werden – und andere, die daran gar keinen Anteil hatten, aber sich selbst derselben Nation zurechnen, sind stolz auf die Leistung, zu der sie nichts beigetragen haben. Das ist falscher Stolz.

Anerkennung

Nun gibt es Menschen, die äußern: „Ich bin stolz, dieser oder jener Gruppe anzugehören!“, mag es sich bei der Gruppe nun um eine Nationalität oder Hautfarbe handeln. Die bisherigen Ausführungen zeigen deutlich, dass diese Äußerungen ohne Sinn und Verstand sind, Davon abgesehen kann man sie als eine Beleidigung für den Rest der Welt ansehen. In diesem Sinne sagt eine solche Äußerung nur: „Ich halte mich für etwas Besseres als Euch.“ und als einzige Begründung gibt es ein: „Weil ich (zufällig) dieser Gruppe angehöre.“ – Abgesehen davon, dass das Überlegenheitsgefühl nur auf Einbildung beruht, haben Menschen eine unüberschaubare Vielzahl an Attributen und Gruppenzugehörigkeiten und es gibt keinen Grund, sich auf Staatsangehörigkeit, den Ton der Hautfarbe, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung zu beschränken, um sich selbst zu definieren.

Alle Menschen sehnen sich nach Anerkennung. Wenn wir aber ehrlich zu uns selbst sind, müssen wir erkennen, dass wir diese Anerkennung nicht durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe erlangen,sondern nur durch uns selbst.

Dabei brauchen wir weder Flaggen, Hymnen, Paraden oder andere Symbole und Rituale, die nur dazu dienen mit den Mitteln der Werbung ein Gefühl der Einigkeit zu erzeugen, welches häufig den Effekt hat, das vernünftige Denken abzuschalten und uns zum Spielball fremder Interessen macht. Vom Mittelalter an bis zu modernen totalitaristischen Diktaturen mögen diese Dinge dazu gedient haben, einem Herrscher die Loyalität seiner Untertanen zu versichern. Doch es handelt sich um hohle Gesten.

Wahre Größe

Worin also liegt die wahre Größe, Großartigkeit, Stärke oder Ruhm eines Staates? – Er liegt in der Freiheit, Zufriedenheit und Sicherheit seiner Bürger. Zwar schadet es nicht, einen Blick über die Grenzen zu wagen, um sich inspirieren zulassen, aber für diese Größe bedarf es keines Vergleichs. Der Staat ist letztlich nur der Zustand, in dem seine Bürger, sprich die Menschen, leben. Ob sie ihren Staat als großartig empfinden, entscheiden sie selbst und die Ansichten anderer sind dabei bedeutungslos. Es beruht nicht auf Vergleich und ist nichts, was gegen andere erreicht werden müßte.

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